Für ihren Neujahrsempfang in der HV in Hessen konnte die Alumni-Vereinigung der Bundesbank-Hochschule in Hachenburg eine prominente Gastrednerin gewinnen: Veronika Grimm, Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Universität Erlangen und Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung. Sie entwickelte im Herbst 2022 als Co-Vorsitzende einer Kommission ein Konzept für die Gaspreisbremse, das die Bundesregierung fast vollständig umsetzte.
Nach der Begrüßung durch Hessens HV-Präsident Thomas Ollinger widmete die "Wirtschaftsweise" Grimm sich in ihrem Vortrag vor allem der Frage, wie die deutsche Volkswirtschaft die Herausforderungen in der Außenwirtschaft meistern kann.
Deutschland als offenen Volkswirtschaft müsse, so Grimm, berücksichtigen, dass mittlerweile sicherheitspolitische Themen mit Handelspolitik verknüpft würden. Dass nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs ein Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft ausblieb, führte die Rednerin auf mehrere Faktoren zurück: "Die Einsparerfolge beim Energieverbrauch waren signifikant, energieintensive Vorprodukte in den Wertschöpfungsketten wurden durch Importe substituiert, es gab teilweise einen Wechsel auf Öl oder bereits hin zu erneuerbaren Energien, die deutsche Wirtschaft ist flexibel."
Eine zentrale Herausforderung für die deutsche Wirtschaft bliebe auf mittlere Sicht die Umstellung der Energieimporte, sprich der Wechsel auf Wasserstoff und erneuerbare Energien. Dabei stünden vor allem die energieintensiven Branchen wie die Chemie- oder Stahlindustrie unter Druck, aber Grimm sieht hier auch Chancen: "Es ergeben sich etwa für den Maschinenbau auch neue Geschäftsmodelle durch den Aufbau der neuen Anlagen und Infrastrukturen für eine Wasserstoffwirtschaft." Generell würden, so Grimm, steigende Preise für fossile Energieträger den Transformationsprozess der Wirtschaft beschleunigen.
Bei der Umstellung auf Wasserstoff empfahl Grimm, die Lieferketten zu diversifizieren, um die Gefahr erneuter Abhängigkeiten wie von russischem Gas zu vermeiden. Sie verwies darauf, dass es weltweit auch andere Anbieter gebe: „Namibia hat eine gute Lage für grünen Wasserstoff. Wir dürfen es dann aber nicht dabei belassen, Energie zu importieren. Wir müssen umgekehrt auch dafür sorgen, dort erneuerbare Energien für die Befriedigung der regionalen Nachfrage gleich mit aufzubauen und die Wasserversorgung zu verbessern, damit beide Seiten profitieren.“
Kritisch bewertete die Wirtschaftswissenschaftlerin die Abhängigkeit von China, insbesondere bei Gesundheitsprodukten und kritischen Rohstoffen. „China hat zur Senkung der Kosten die Wertschöpfungskette etwa bei der Produktion kritischer Rohstoffe integriert und dann zusätzlich die Produktion staatlich subventioniert. So hat man sich international eine Vormachtstellung verschafft und andere Anbieter verdrängt.“
In der lebhaften Diskussionsrunde im Anschluss an Grimms Vortrag wurde unter anderem das Thema Gaspreisbremse angesprochen. Andreas Höfer, Professor an der Hochschule der Bundesbank, wollte wissen, wie die Rednerin das Projekt bewerte. Grimm sagte: „Wir haben in Rekordzeit ein Konzept erstellt, sind froh, dass die Bundesregierung es weitgehend übernommen hat und dass es auch inflationswirksam ist.“ Selbst nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung diskutierte die Wirtschaftswissenschaftlerin mit den Alumni-Vertreterinnen und Vertretern eifrig weiter, erst gegen 22.30 Uhr endeten die Gespräche.
Foto: Nils Thies
Text: Matthias Endres